»Wollen keiner Agenda des Auslands folgen« Der Aufstand im Sudan geht weiter. Ziviler Ungehorsam als Strategie gegen Repression und Gewalt. Ein Gespräch mit Ali Ahmed — jW, 21.06.19

Delegationen aus Ägypten, Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emirate sowie EU-Vertreter treffen sich am heutigen Freitag in Berlin, um über die Zukunft des Sudans zu entscheiden. Die zivilen Kräfte des Landes sind dabei nicht eingebunden. Wie stehen Sie zu dem Entschluss, dass die Opposition wieder mit dem Militärrat verhandeln will?

Am Aufstand in Sudan beteiligt sind die »Allianz für Freiheit und Wandel« und das Gewerkschaftsbündnis SPA. Manche davon wollen wieder Gespräche. Für uns als SPA gibt es die aber nur unter der Voraussetzung, dass der Militärrat die Macht an eine Zivilregierung übergibt. Ich kann Ihnen sagen, warum er das nicht tun will: In Wahrheit sind sie nicht das Militär, sondern die alte Garde der islamistischen Partei von Omar Al-Baschir. Sie arbeiten im Interesse Saudi-Arabiens, Ägyptens und der Vereinten Arabischen Emirate. Alle drei haben unterschiedliche Ziele: Sudanesische Soldaten kämpfen für Riad in Jemen, die Emirate wollen die Häfen im Roten Meer kontrollieren, und für die Führung in Kairo wäre ein ziviler Sudan problematisch.

Welche Macht haben die Allianz und SPA?

Innerhalb der Allianz gibt es 26 Parteien und 210 Verbände. Diese repräsentieren ungefähr 70 Prozent der sudanesischen Bürger. Vor allem unser Gewerkschaftsbündnis ist bei den Protesten der vergangenen fünf Monate führend, ihren Aufforderungen folgen die Menschen unmittelbar. Die SPA wird von der Sudanesischen Kommunistischen Partei dominiert. Fünf der sieben Redner, die mit dem Militärrat verhandeln, sind Kommunisten. Einer ist von der Sudanesischen Kongresspartei, die ebenfalls radikal links ist. Nur der ehemalige Premierminister Sadiq Al-Mahdi (1986-1989 im Amt, jW) kommt von der Rechten und will eine Zivilregierung, um dann die Bürger und die Ressourcen des Landes zu kontrollieren. Das wird aber nicht noch einmal geschehen.

Wir sind 14 Millionen Sudanesen im Ausland, die den Aufstand unterstützen. Wenn acht Millionen Menschen auf den Straßen sind, sorgen wir von der SPA dafür, dass sie versorgt werden.

Wie kann mit zivilem Ungehorsam das System zu Fall gebracht werden?

Früher haben die Sudanesen dem linken Flügel nicht vertraut. Jetzt sehen sie den Erfolg des Aufstands und glauben an eine gemeinsame Linke. Als sich die SPA für zivilen Ungehorsam entschieden hat, haben wir den Menschen drei Tage Zeit gegeben, sich darauf vorzubereiten und das ganze Land zu informieren. 85 Prozent der Sudanesen haben in dieser Zeit alles boykottiert, was mit der Regierung zu tun hat. Angesichts der Menge wird der Militärrat irgendwann mit uns reden und sagen: Wir geben euch die zivile Regierung.

Wir haben mehr als 15 Jahre lang gegen Al-Baschir gekämpft, aber er ist nicht gestürzt. Es war die friedliche Revolution, die das geschafft hat. Unser ziviler Ungehorsam ist der größte nach der Bewegung von Mahatma Ghandi.

Fühlen Sie sich bei Ihrem Aufstand ausreichend unterstützt?

Von diesem Aufstand haben weder eine offizielle Person aus dem Westen noch die großen Medien haben bis zu Al-Baschirs Sturz gesprochen. Wir hatten nur unsere »sozialen Netzwerke«. Als Al-Baschir weg war, kamen alle Medien ins Land, und die westlichen Staaten begannen zu reden – sie wissen, dass es sich bei dieser Bewegung um eine linke handelt. Die BRD, Frankreich und Großbritannien haben viele Wirtschaftsabkommen mit dem Sudan. Wir wollen aber mit unserer Ökonomie keiner Agenda des Auslands folgen. Das ist vorbei. Wir wollen auch die Kriege im Sudan beenden, in Darfur, in den Nuba-Bergen und in der Blue-Nile-Region. Die drei Länder verhandeln mit dem Militärrat, sprechen aber nicht mit den sudanesischen Bürgern – weil sie nicht davon profitieren.

Aus den afrikanischen Ländern haben uns nur zwei Regierungschefs unterstützt: Ruandas Präsident Paul Kagame und der äthiopische Premier Abi Ahmed. Kagame hat den Druck auf den Militärrat erhöht, indem er die Suspendierung Sudans aus der Afrikanischen Union forciert hat. Wir wollen keine Unterstützung mit Waffen oder mit Geld. Was wir brauchen, ist ein Ende der Unterstützung für Diktaturen in Afrika.

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