Auf die Straße gesetzt: Polizei räumt Häuser in Duisburg. Knapp 100 Menschen werden über Nacht wohnungslos. Soziale Initiativen und Linkspartei entsetzt — jW, 05.04.19

Von Markus Bernhardt

Die Duisburger Polizei ist am Mittwoch erneut gegen Roma-Familien vorgegangen. Mehrere Wohnungen, die vor allem von Menschen aus Bulgarien und Rumänien bewohnt worden waren und sich in der Duisburg-Marxloher Rudolfstraße befinden, wurden geräumt. Augenzeugenberichten zufolge seien auf Geheiß der Stadtverwaltung »in wenigen Stunden über 100 Menschen, darunter viele kleine Kinder, Kranke und alte Menschen, aus ihren Wohnungen vertrieben« worden. »Eine ganze Einsatzhundertschaft der Polizei versuchte die Solidaritätsbekundungen und Proteste der Nachbarinnen und Nachbarn gegen die Räumung zu verhindern«, berichtete auch Sylvia Brennemann, die sich im örtlichen »Netzwerk gegen rechts« und der »Initiative Marxloher Nachbarn« engagiert, am Donnerstag im Gespräch mit jW.

Mittwoch morgen gegen acht Uhr habe die Duisburger Polizei in Begleitung verschiedener anderer Behörden die Bewohnerinnen und Bewohner zunächst mit »Ausweiskontrollen und Hausdurchsuchungen belästigt« und die Stromzähler abbauen lassen. Den Betroffenen habe man nur knapp vier Stunden Zeit gelassen, ihre Habseligkeiten aus den Wohnungen zu bergen. »Was danach nicht zusammengepackt und abtransportiert war, bleibt für die Menschen verloren«, kritisierte Brennemann. Sie erinnerte zugleich an eine ähnliche Polizeiaktion im Dezember 2017. Bei der damaligen Räumung in der Rheinhauser Gillhausenstraße sei von den Einsatzkräften »der Brandschutz als Grundlage der Räumung angeführt« worden. Wie immer, wenn die von den Behörden ins Leben gerufene »Taskforce Problemimmobilien« aktiv werde, seien die Mieterinnen und Mieter der betroffenen Wohnungen »weder schriftlich noch mündlich im Vorfeld der Aktion informiert« worden. Die Eigentümer der Wohnungen seien zwar, so erläuterte die Polizei am Mittwoch gegenüber anwesenden Räumungsgegnern, angeschrieben und auf die Mängel hingewiesen worden, hätten jedoch »nicht darauf reagiert«.

Bereits in der Vergangenheit war die Polizei mehrfach gegen Roma-Familien vorgegangen, die, so der offizielle Behördensprech, in »Schrottimmobilien« lebten. Anstatt gegen die Vermieter vorzugehen, die die Betroffenen tatsächlich ausbeuten und unter teils menschenunwürdigen Bedingungen wohnen lassen, setzt die SPD-geführte Duisburger Stadtverwaltung die Polizei jedoch gegen die Mieterinnen und Mieter ein.

Unterstützung bekommen die Räumungsgegner nicht nur von antifaschistischen Organisationen und ehrenamtlich tätigen Sozialprojekten, sondern auch von der Partei Die Linke. »Wir verlangen von der Stadt, den Betroffenen anständigen, günstigen Wohnraum anzubieten. Nur so können wir das menschenverachtende Modell der Miethaie mit der Not der Menschen Kasse zu machen, unterbinden«, erklärte Lukas Hirtz, Sprecher des Duisburger Linke-Kreisverbandes, am Donnerstag.

Nach der Räumung müssen sich in der Ruhrgebietsstadt unterdessen erschreckende Szenen abgespielt haben. »Eine betroffene Familie mit Kleinkindern und einem behinderten Kind stand längere Zeit vor verschlossenen Türen der Notunterkunft in der Usedomstraße«, berichtet etwa Detlef Feldmann, Linke-Bezirksvertreter in Duisburg-Meiderich und aktiv in der Marxloher Nachbarschaftsinitiative. »Ein Beamter der Wohnberatung der Stadt konnte wenig Hoffnung auf eine Vermittlung in eine ›normale‹ Wohnung machen: Im Mietkostensegment, das Hartz-IV-fähig ist, ist kaum etwas erhältlich. Und die Einwohner bekommen zum Teil noch nicht einmal Hartz-IV-Leistungen«, monierte er. »Das, was Stadt und Vermieter diesen Menschen antun, wünsche ich niemandem«, so Feldmann. Deshalb sei es wichtig, dass möglichst viele Menschen an den Mietprotesten am Samstag in Duisburg-Ruhrort teilnähmen.

 

https://www.jungewelt.de/artikel/352387.das-w%C3%BCnsche-ich-niemandem-auf-die-stra%C3%9Fe-gesetzt.html?fbclid=IwAR3TUpg62ZpGDuMfqUjsWWCSYAlNQhDR1XD3c4FxN-LpVwKUG6LIqMVpaMI

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s